Basiswissen

Drei Fragen – Drei Meinungen

Interviews

Mittwoch, 22.05.2024

Stimmen aus der Branche: Dr. Christine Lemaitre, DGNB / Andreas Miltz, Renowate / Diana Anastasija Radke, BiB und KVL Bauconsult

Quelle: Adobe Stock

1. Diese Ausgabe des Klimajournals steht unter dem Leitmotiv „Standardisierung“. Wie blicken Sie und Ihre Institution auf das Thema?

Dr. Christine Lemaitre: Das sehen wir zweigeteilt. Einerseits haben wir zu viele Standards, die zu sehr auf die Vorgabe von Maßnahmen und Einzelthemen fokussieren und das Bauen verkomplizieren. Andererseits gibt es wichtige Themen, bei denen wir Standards im Sinne eines einheitlichen Verständnisses brauchen. So auch beim nachhaltigen Bauen, wo viele unterschiedliche Ansätze zur Nachhaltigkeitsbewertung existieren. Diese Parallelentwicklungen verwirren nicht nur, sie kosten alle am Bau Beteiligten auch viel Zeit und Geld. Beides wird dringend für qualitätvolle Gebäude gebraucht – nicht im Wettbewerb der Definitionen.

Wie zielführend ein Vereinheitlichen wäre, belegt ein unabhängiges Rechtsgutachten, das wir von der DGNB in Auftrag gaben, um den Status quo der Nachhaltigkeitsbewertung von Gebäuden in Deutschland zu analysieren. Es zeigt klar, dass es hierzulande kein homogenes Verständnis zu den Anforderungen an das nachhaltige Bauen gibt.

„Einheitliches Verständnis zum nachhaltigen Bauen nötig“, Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand DGNB e.V., Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V., Stuttgart.
Quelle: DGNB
„Einheitliches Verständnis zum nachhaltigen Bauen nötig“, Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand DGNB e.V., Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V., Stuttgart.

Andreas Miltz: Für das Ziel der Renowate, den Gebäudebestand als Gesamtlösungsanbieter für serielle energetische Sanierung zu dekarbonisieren, ist das Thema „Standardisierung“ ein Kernelement. Denn nur mit einer hohen Standardisierung ergibt sich die Chance, in kurzer Zeit große Bestandsgebäude effizient energetisch zu sanieren.

Wir verfolgen dabei einen seriellen Sanierungsansatz, bei dem durch den Einsatz von vorgefertigten Modulen und standardisierten End-to-End-Prozessen eine erhebliche Verkürzung der Sanierungszeit erreicht wird, die lediglich einen Bruchteil im Vergleich zur konventionellen Renovierung beträgt.

Die Definition von standardisierten Prozessen und deren stetige Optimierung ermöglichen es, in vielen Schritten der Planung und der Ausführung der seriellen Sanierung eine deutliche Effizienzsteigerung zu erreichen.

Diana Anastasija Radke: Zwiegespalten! Einerseits gibt es Bereiche innerhalb des Themenfelds „Bauen im Bestand“, bei denen Standardisierung durchaus Sinn ergibt – andererseits gibt es Bereiche, bei denen viel mehr Experiment möglich gemacht werden sollte. Wie kann man auf Fragen, die noch nicht gestellt wurden, mit Standardantworten reagieren? Hier muss eine flexible, passgenaue und individuelle Lösung möglich sein.

Auf die so genannten „FAQ“ des Bauens im Bestand, die wir unsere „Ja, aber …“ nennen, versuchen wir als Verband mit Standards zu antworten. Hier ein Beispiel: „Ja, aber die Kosten im Bestand sind nicht transparent planbar.“ Darauf haben wir mit der „BIB 276“ geantwortet – eine Kostenstruktur, die an die DIN 276 angelehnt ist und als Standard für die Kostenermittlung und -verfolgung beim Bauen im Bestand am Markt etabliert werden soll.

2. In welchen Fällen sind für Sie Standards/Normen/Zertifizierungen besonders hilfreich, wo eher hinderlich? Nennen Sie dazu bitte ein konkretes Beispiel aus Ihrer Praxis – etwa aus der Nachweis-, Prozess- oder Produktgestaltung.

Dr. Christine Lemaitre: Im Bausektor sind allgemeingültige Standards unabdingbar, wenn es um sicherheitsrelevante Themen, wie zum Beispiel die Statik, geht. Hinderlich sind dagegen Vorgaben, die nicht ganzheitlich formuliert und gedacht sind und nicht auf den Kontext eines Gebäudes eingehen. Ein großes Problem sehen wir bei der nachhaltigen Sanierung des Gebäudebestands. Hier gelten meist dieselben Anforderungen wie an den Neubau. Diese einzuhalten ist mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden und noch dazu oft sinnfrei.

Die Konsequenz ist, dass neben dem Sanierungsstau nach wie vor viel zu viel abgerissen wird. Nicht selten, um nahezu identischen Neubauten zu weichen. Das treibt das Verschwenden endlicher Ressourcen und die CO2-Emission weiter in die Höhe. Um die Klimaschutzziele zu erreichen, kommen wir um den Erhalt und die energetische Ertüchtigung des Gebäudebestands nicht herum. Um Sanierungsmaßnahmen zu erleichtern, müssen die Regularien dringend angepasst werden.

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